Description
Editorial
Realistisches Erzählen nach der Moderne, so zeigt sich, bekommt immer dann ein Problem, wenn es nicht nur unterhalten, sondern zugleich große Kunst sein will.
Moritz Baßler
Ausgerechnet Moritz Baßler, Germanistikprofessor in Münster, der viel Zeit und Papier verschwendet hat mit seiner Forschung über die deutsche Popliteratur der 1990er Jahre – eine verdientermaßen inzwischen weithin in Vergessenheit geratene Sackgasse der jüngeren deutschsprachigen Literatur –, ausgerechnet Moritz Baßler hat jetzt ein Buch veröffentlicht, in dem er seinem großen Unbehagen Ausdruck verleiht angesichts des Mainstreams nicht nur der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur von Maja Haderlap und Daniel Kehlmann über Martin Mosebach bis zu Karl Ove Knausgård. Wer die IDIOME und meine glossenartigen Editorials schon länger verfolgt, den wird es nicht wun dern, daß ich mich bestätigt fühle, wenn er schreibt: «Anders als der Realismus des 19. Jahrhunderts entsteht diese Literatur ja, nachdem die emphatische Moderne vorgemacht hat, dass es auch anders geht. Realistisch zu schreiben, ist danach also nicht mehr ganz so natürlich, wie es tut. Es ist eine bewusste Entscheidung, und das wissen gerade jene Autoren, die selbst einen hochliterarischen Anspruch mit ihrem Werk verbinden, sehr genau. Sie haben, so scheint es, auch den Vorwurf der Modernisten internalisiert, mit einer solchen Schreibweise würde man hinter den Möglichkeiten von Literatur als Sprachkunst zurückbleiben. Als kommerzielle Unterhaltungsautoren wollen sie jedoch nicht gelten.»
Dieses «schlechte Gewissen» führt nun regelmäßig dazu, daß Autoren wie Kehlmann oder Bernhard Schlink sich zu einem «ModerneBashing» hinreißen lassen, bei dem sie keine gute Figur machen können. Moritz Baßler beschreibt die Lage in seinem Buch Populärer Realismus. Vom International Style gegenwärtigen Erzählens (München: C. H. Beck 2022) treffend und mit spitzer Feder – um daraus aber falsche Schlüsse zu ziehen. Doch der Reihe nach. Unter dem in der zeitgenössischen Prosa allgegenwärtigen Realismus versteht Baßler «eine literarische Machart, die sich selbst sozusagen unsichtbar macht und uns in der Lektüre direkt auf die Ebene befördert, auf die es hier ankommt – die Ebene der Story. Mit der Zeichenebene des Romans, den Buchstaben, Wörtern und Ausdrücken, müssen wir uns dabei nicht abgeben, sie sind so gewählt, dass wir sie gar nicht bemerken.» Literatur, in der es auf «Buchstaben, Wörter und Ausdrücke» nicht ankommt, halte ich allerdings nicht für diskussionswürdig. Sie hat zugegeben den großen Vorteil, leicht übersetzbar zu sein («born translated») und bietet sich zudem an, als Film oder Computerspiel vermarktet zu werden. Und wenn die Autoren und ihre Agenten nicht für sich in Anspruch nehmen würden, am Diskurs der «Hochliteratur» teilzunehmen, würde ich gar kein Problem sehen.
Was das für ein Problem sein soll? Sprechen aus meiner Bewertung nicht Dünkelhaftigkeit und ein anfechtbares Distinktionsbedürfnis? Ich würde sagen: nicht nur – denn es handelt sich auch um eine kulturpolitische Frage. Baßler entlehnt bei Umberto Eco den Begriff des ‹Midcult›. Mittels «Doppelcodierung» gelinge Autoren wie Kehlmann folgendes: «Er erzählt einerseits eine unterhaltsame, leicht lesbare, gut verständliche Geschichte mit hohem Identifikationspotential und gibt dem Leser an dererseits das Gefühl, dass dieser ‹im Genuß dieser R eize eine privilegierte ästhetische Erfahrung vervollkommne›». Eco wird deutlich: «Der mittlere Konsument konsumiert seine Lüge.» Irritierenderweise sind das aber nicht nur die Konsumenten, die ihren Lesestoff in Buchkaufhäusern erwerben, sondern auch «Kritiker» und Literaturwissenschaftler. Und hier sehe ich ein kulturpolitisches Problem: Wenn Midcult als preis und förderwürdig gilt – und das ist in einem erschreckend hohen Ausmaß bereits der Fall – und ästhetisch ambitionierte Literatur verdrängt, dann haben die Verantwortlichen ihren Kompaß verloren. Dann droht eine Fehlentwicklung, wie sie in der deutschen Filmförderung bereits traurige Realität ist, die längst zur Wirtschaftsförderung mutiert ist. Umberto Eco war es noch darum zu tun, die anspruchsvolle, neoavantgardistische Literatur seiner Zeit gegen den Midcult zu verteidigen. Für Baßler, der im übrigen einen neuen Midcult ausmacht, in dem es nicht mehr um ästhetische, sondern um moralische Distinktion geht («bedeutsame Themen, die mit bedeutsamer Literatur verwechselt werden»), ist Sprachkunst aber nicht mehr verteidigungswürdig.
Er hält die Produkte des «Populären Realismus» für «demokratische Literatur» und stellt fest: «Der Realismus als Verfahren hat die Konkurrenz der Schreibweisen gewonnen.» Adornos Thesen zur Kulturindustrie sind für Baßler überholt. Er vertraut auf einen engen Rückkoppelungsprozeß zwischen Publikum und Kulturindustrie, der dazu führt, daß das Publikum das tatsächlich Gewünschte geliefert bekommt und die Kulturindustrie also ihre Abnehmer gar nicht mit Werbung überrumpeln muß. Ich halte das nicht für plausibel und möchte außerdem die Frage aufwerfen, ob es wirklich das Prinzip einer demokratischen Kulturpolitik sein kann, sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen und dabei Bildung nicht nur nicht vorauszusetzen, sondern als Störfaktor zu betrachten. Moritz Baßler aber glaubt, daß es Autoren geben kann, die «Populären Realismus» schreiben und dennoch ästhetisch satisfaktionsfähig sind, und rechnet Wolf Haas zum Besten, «was die deutschsprachige Gegenwartsliteratur insgesamt zu bieten» hat. Damit wollen die IDIOME sich nach wie vor nicht zufrieden geben. Wer bei der Lektüre von Bodo Hell nicht mehr Vergnügen und intellektuelle Stimulanz empfindet als bei Haas, dem können wir nicht helfen.
Schlaubehammer, Ostern 2023 Florian Neuner














