Navigation
Account
Cart 2 items for  20.00

Total:

 20.00

Idiome. Hefte für neue Prosa Nr. 15

‹Return to Previous Page
Inhalt

Description

Mit Beiträgen von Lucas Cejpek, Curd Duca, Zsuszanna Gahse, Norbert Lange, Fritz Lichtenauer, Jürgen Link, Verena Reichl, Bertram Reinecke, Nils Roller, Alexander Rudolfi, M.Rutt, August Staudenmayer, Christian Steinbacher und Bernhard Widder

Editorial

lasst uns die literatur hinters licht führen (Hartmut Geerken)

Bereits vor zwei Jahren erreichten erste «Corona-Tagebücher» die Redaktion – zu einem Zeitpunkt, als viele noch hofften und glaubten, der Spuk würde nach wenigen Wochen wieder vorbei sein. Daß dies erst der Auftakt zu einer mittlerweile bereits mehr als zwei Jahre andauernden Dauerkrise war, vermochte sich kaum jemand vorzustellen. Ich befürchte ja, daß der «Krieg» gegen das Virus, von dem Staatenlenker mit autoritären Anwandlungen so gerne schwadronieren, so wenig enden wird wie der War on Terror, der inzwischen seit mehr als zwei Dezennien geführt wird. Denn ein Ende dieser Kriege würde unausweichlich zur Folge haben, daß die durch sie legitimierten großen Geländegewinne beim Ausbau des Überwachungsstaates wieder preisgegeben werden müßten. Nun kann es natürlich nicht verwundern, daß Literaten auf disruptive Ereignisse, Krisen und dgl. auf ihre Weise reagieren; oft werden ihnen von den Medien auch Stellungnahmen abgefordert. Ebenso wenig erstaunlich ist, daß dann rasch unreflektierte, unerhebliche, oft sogar peinliche Texte entstehen. Vielen scheint auch nicht klar zu sein, daß eine anachronistische Form wie der Roman vollkommen ungeeignet ist, auf komplexe Prozesse der «Denormalisierung» (Jürgen Link) zu reagieren.

Vor einem Jahr schrieb ich im Editorial zu Heft 14: «Die Reaktionen der Reflektierten unter den schreibenden Zeitgenossen, die sich nicht zu Schnellschüssen haben hinreißen lassen, stehen noch aus.» Ob und von wem da noch etwas kommen würde, konnte ich natürlich nicht ahnen. Nun ist ein relevanter künstlerischer Beitrag zum Thema an unerwarteter Stelle aufgetaucht. Im Nachlaß des Linzer Künstlers und Autors M.Rutt (mit bürgerlichem Namen Günther Haidinger), der in seinen letzten Lebensjahren kaum als Schriftsteller hervorgetreten war, fand sich der umfangreiche Torso eines literarischen «Corona»-Projekts, in dem M.Rutt unternimmt, was in diesem Zusammenhang einzig von Interesse ist: Er beschäftigt sich mit der Sprache in der und über die Krise und ermöglicht so einen erkenntnisfördernden Blick auf die Geschehnisse zwischen Pandemiebekämpfung, Panikmache und dem österreichischen Operetten-Polizeistaat, wie es erzählende Prosa in ihrer anekdotischen Unerheblichkeit niemals vermöchte. Gewiß ist es kein Zufall, daß die zweite bemerkenswerte mir bekannte literarische Auseinandersetzung mit der Krise auch von einem in Avantgarde-Traditionen arbeitenden Linzer Künstler stammt, nämlich von Fritz Lichtenauer; ein Auszug aus seiner «Corona.Sprache» ist in den Facetten 2021 (Literarisches Jahrbuch der Stadt Linz) erschienen.

Jürgen Link hat mit „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr Armee. Eine Vorerinnerung“ 2008 einen experimentellen «Roman» vorgelegt, der nicht nur die Generationserfahrung einer Gruppe «nicht-konvertierter» Achtundsechziger gestaltet, sondern mit Hilfe von Simulationen auch prognostische Szenarien auf dem «Langen Marsch zum deutschen Vietnam» entwirft. In einem Blog hat Link jahrelang seine Simulationen mit den aktuellen Entwicklungen abgeglichen. Er schreibt dort: «Wer den Roman gelesen hat, hat vor allem eins begriffen: wie und warum Deutschland so geworden ist, wie es heute als ‹normal› behauptet wird. (Und auch, wie ein künftiger erfolgreicher Widerstand gegen solche ‹Szenarien› aussehen könnte.)» (vgl. Heft 9) Inzwischen arbeitet Jürgen Link an einer Fortschreibung seines literarischen Großprojekts „Bangemachen gilt nicht“, und die IDIOME, die seine Arbeit seit Jahren begleiten (vgl. auch das Werkstattgespräch in Heft 3) schätzen sich glücklich, das einleitende Kapitel dieser vielversprechenden neuen Unternehmung präsentieren zu dürfen.

In Heft 14 war ein Auszug aus Hartmut Geerkens monumentaler Autobiographie zu lesen – aus dem in Entstehung begriffenen dritten Band seiner «found footage memorabilia»; die ersten beiden «spulen» waren 2019 (hart im raum) bzw. 2020 (leicht beieinander) herausgekommen. Geerken stellt Erinnerung so dar, wie sie sich tatsächlich abspielt: als Abfolge von Fragmenten, Wiederholungsschleifen inclusive. Der schiere Umfang seiner Produktion – von der Ästhetik ganz zu schweigen – überforderte die Verlage. Davon ließ Geerken, der auch als Herausgeber von Mynona (Salomo Friedländer) engagiert war, sich nicht entmutigen, sondern wurde mit seinen waitawhile editionen als sein eigener Verleger tätig. Die staunenswerten Aktivitäten des im Oktober 2021 verstorbenen Musikers und Autors sollten jüngeren, ästhetisch unangepaßten Künstlern als Vorbild dienen: Es reicht nicht, sich über die eigene Marginalisierung zu beklagen. Es kommt darauf an, aktiv am Aufbau und an der Gestaltung einer literarischen Gegenöffentlichkeit mitzuwirken!

Graz, im April 2022, Florian Neuner

Related Products

Back to top
X